Erstbefahrung einer neuen Route auf 4.300m Höhe – spektakulärer Downhill auf anspruchsvollen Singletrails mit über 2.400 Höhenmeter bergab – ein unvergessliches Bikeabenteuer am zweithöchsten Gipfel Afrikas
Bericht & Bilder von Wolfgang Neumüller
Wer möchte nicht tausende Höhenmeter bergab rollen? Zumindest unter Mountainbikern ist das der Traum schlechthin. Hohe Berge verstärken dieses Wunschdenken und steigern das Abenteuer. Ich hatte mir wieder einmal kein leichtes Ziel ausgesucht und träumte von einer neuen Route am Mt. Kenia. Die Idee war bereits 2004 bei meiner ersten Afrika MTB-Reise geboren. Damals entwickelte ich die erste MTB-Umrundung vom Kilimanjaro und hoffte irgendwann auch den Mt. Kenia zu befahren. Im Februar 2008 war es dann so weit, Vom Flughafen in Nairobi geht es per Jeep nach Nanyuki an der Nordwestseite des Mt. Kenya. Dort kaufen wir die Lebensmittel für die nächste Woche ein und stellen die Crew zusammen. Das Dorf Kisima ist unser Ausgangspunkt. Da unser Vorhaben logistisch sehr aufwendig ist, brauchen wir vor Ort gute Partner. Entlang der geplanten Auffahrtsstrecke gibt es keine Hütten und die gesamte Ausrüstung für Zeltlager und Verpflegung muss von Trägern zu Fuß transportiert werden.
Über Dschungelpfade und Buschwälder bergauf
Am nächsten Morgen biken wir los. Anfangs führen breite Schotterpisten durch Getreidefelder rasch weiter in hohe Wälder. Bald sind wir in unberührter Wildnis und verlassen die Schotterstraße. Mit etwas Glück können hier auch Elefanten, Büffel und Zebras beobachtet werden. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich rasch auf den immer schmaler werdenden Pfad. Ein wenig begangener und einsamer Weg heißt für uns, es wird ungewiss bleiben, ob diese Route überhaupt mit Mountainbikes befahrbar ist. Im Dschungel müssen wir über unzählige Wurzeln das Vorderrad heben und freuen uns endlich auf größere Wiesen zu kommen. Das war ein Irrtum, denn hohes Gras verdeckt den ohnehin schon kaum vorhandenen Pfad und führt direkt in undurchdringliche Buschwälder. Da es weder Kartenmaterial noch eindeutige Anhaltspunkte im Gelände gibt, ist eine Orientierung sehr schwierig. Für eventuelle Notfälle habe ich zwar das GPS mit, aber das hilft bei der Erstbefahrung noch relativ wenig. Das GPS Gerät zeigt hier dank der vielen Satelliten am freien Himmel Höhe und Position sehr genau an. Zur Undurchdringlichkeit es Geländes gesellt sich beginnende Müdigkeit. Die vielen Stunden bei Hitze und Feuchtigkeit haben uns ausgelaugt und jetzt kommen immer anstrengendere fahrtechnische Herausforderungen hinzu. Wir bewegen uns bereits auf über 3.000m und die Höhe wird allmählich spürbar. Längst umschlossen von zwei bis drei Meter hohen Büschen versuchen wir den stetig ansteigenden Hohlwegen zu folgen. Meist sehen wir nicht einmal aus dem Dickicht heraus, so dass wir unser Ziel nicht anpeilen können. Zur weiteren Prüfung der Motivationsfähigkeit setzt jetzt auch noch plötzlicher Regen ein. Einerseits endlich Abkühlung, aber andererseits fahren wir auf Lehmboden, was rasch zu neuen Herausforderungen und Schlitterpartien führt. Zum Glück verabschiedet sich der Regenschauer bald und wir kämpfen uns bei einer fantastischen Lichtstimmung weiter bergauf. Die nassen Sachen sind trocknen rasch am Körper und endlich am frühen Abend erreichen wir unser erstes Zeltlager auf ca. 3.300m Höhe. Hier wartet unsere Begleitmannschaft schon mit dem Abendessen auf uns und wir versuchen am Lagerfeuer die Radschuhe und Radhandschuhe vollständig zu trocknen. Dieser Berg ist für seine extremen Temperaturunterschiede bekannt. In der Nacht ist ein warmer Schlafsack in einem guten Zelt wichtig für die Erholung.

Über steinigen Singletrail auf 4.300 m
Am nächsten Tag, dank der kühlen Luft, strahlend blauer Himmel. Schon beim Frühstück erahnen wir den weiteren Routenverlauf. Bald haben wir den Buschwald durchdrungen und fahren über kupierte Grasplateaus. Endlose Weiten, lange zu gehen, aber genau die erhoffte fahrbare Steigung zum Biken. Wir brechen morgens bei angenehmer Temperatur auf. Schon bald öffnen sich erste Ausblicke auf die Tiefebenen, der Gipfelaufbau ist noch eine Tagesfahrten von uns entfernt. Am Papier sind die Entfernungen und Höhendifferenzen scheinbar gering. Aber auch nur 500 Hm bergauf in über 4.000m Höhe können verdammt lange sein. Wir fahren absichtlich so langsam wie möglich, um die Kräfte zu schonen. Der Pfad bleibt eng und führt vorbei an selektiven festen Grasbüschen. Nur nicht übermütig werden, ist die Devise! Gezielt biken wir in gemächlichem Tempo bergan, eine gute Akklimatisation ist unser Hauptaugenmerk. Der Singletrail wird immer steiniger und bleibt steil. Hier ist sehr viel Fahrtechnik erforderlich, um das auch wirklich langsam fahren zu können. Zu Hause nimmt man solche Stellen mit Schwung, was aber hier zu einem Höhenproblem werden kann. Das nächste Lager liegt auf 3.700m und wir haben genug Zeit auch die immer dichter wachsenden Senecien und Lobelien zu bewundern. Besonders beeindruckend sind die bis zu 4m hohen, mit silberblitzenden Haaren bedeckten Riesenlobelien. Abgestorbene Stämme eignen sich ausgezeichnet für nicht ernstzunehmende Pedalritterspiele. Vom so genannten Allan’s Point geht es heute bis ins Hindner Valley. Der steinige Pfad verlangt viel Konzentration und Kraft. ‚Wir biken bis auf 4.300m Höhe und sind dem Mt. Kenia wieder 15km näher gekommen. Kleinere Gegensteigungen lockern den Tag auf. Müde und zufrieden versinken wir wieder in unseren Schlafsäcken, die Auffahrtsstrecke hat sich voll bewährt.
Zu Fuß auf den Point Lenana, 4.985 m
In dieser Nacht kühlt es schon deutlich unter Null Grad ab. Morgens ist alles mit Reif überzogen und wir erfreuen uns am warmen Tee. Für die Völker der Kikuyu, Embu und Meru, die in der Umgebung des Bergs leben, galt Kirinyaga, „der Berg der Helligkeit”, von jeher als Thron des Gottes Kirinyaga (Ngai). Vom Vulkanischen Ursprung des Berges ist kaum noch etwas zu erkennen. Mehrere Pässe mit steilen Anstiegen trennen uns noch vom Gipfel. Hier hat es wenig Sinn das Bike mitzunehmen, wir gehen zu Fuß weiter. Wir queren direkt entlang eines unmarkierten Felsenpfad zum Simba-Pass und steigen langsam zum Simba-See ab. Von dort erreichen wir über einen steinigen Weg den 4.985m hohen Point Lenana. Das ist der realistische Wandergipfel, die etwas höhere Hauptgipfel Batian, 5199m ist nur mit einer Klettertour im 5. Schwierigkeitsgrad erreichbar. Der Lohn für unsere Mühe ist ein herrlicher Ausblick auf die riesigen Felswände. Der Abstieg erfolgt über den Nordost-Grat mit Schotterfeldern zum Ablaufen. Beim Shiptons Camp (4.200m) genießen wir eine erholsame Mittagspause. Rund um die Hütte gibt es viele Klippschliefer, eine Nagetierart mindestens so groß wie Murmeltiere, die sich breitwillig füttern lassen. Entspannt bereiten wir uns auf die lang ersehnte Abfahrt vor.
2.400 Hm Traum-Singletrail bergab
Mit vielen kniffeligen Einzelstellen führt der schmale Pfad durch lang gezogene Lobelien-Wälder tiefer. Wir erleben eine der eindrucksvollsten Downhills unseres Lebens über einen scheinbar nie endenden Singletrail. Trotz der Euphorie bleiben wir vorsichtig und versuchen langsam und gefühlvoll abzufahren. Passieren darf hier nichts, denn wir sind weit weg der gewohnten Zivilisation. Wir haben schon wesentlich schwierigere Abfahrten in den Alpen gemeistert und kennen unsere Grenzen. Anfangs ist der Fels sehr rutschig und stellenweise sogar leicht mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Wir wollen nichts riskieren. Immer wieder sind auch kurze Schiebepassagen und nach einer heftigen Gegensteigung mit Tragepassagen wird der Weg breiter, dafür aber auch noch steiniger. Knackige Felspassagen fordern viel Fahrtechnik und belohnen mit herausfordernden Einzelstellen. Die Landschaft belohnt für die Mühen und wir genießen einen absoluten Traum-Singletrail. Die Konzentration über lange Zeit aufrecht zu erhalten, bereitet uns die größte Mühe. Wir machen viele Pausen und nützen die Zeit auch zum Fotografieren. Nach einem verblockten Karrenweg erreichen wir das Old Moses Camp (3.350m). Dort beginnt eine holprige Schotterpiste, auf der wir mit höherer Abfahrtsgeschwindigkeit weitere 1.000 m bergab zum Sirimon Gate zurücklegen können. Das Material muss bei dieser Tour höchsten Belastungen standhalten. Erstaunlicherweise hatten wir unterwegs nur eine einzige kleine Panne. 2.400Hm bergab, ein Traum erfüllt sich. Nach über 6 Stunden kommen wir überglücklich in Nanyuki an.

Im August 2009 wird diese MTB-Expedition erstmals als geführte Tour mit kleiner Gruppe organisiert. Im Anschluss daran wartet dann der Oldoinyo La Satima (4.100m) in den Aberdare Mountains mit einem weiteren MTB-Abenteuer. Im Great Rift Valley führt der Bike-Trail an den Lake Naivasha und in den schluchtenreichen Hells Gate-Nationalpark, wo wir per Bike auf Pirsch gehen und Tiere beobachten. Im Jeep geht es zum von Flamingos bevölkerten Lake Nakuru, an dem wir mit etwas Glück auch Nashörner und Leoparden entdecken. Ein besonderes Naturschauspiel erwartet uns zum Abschluss: Auf Safari in der Maasai Mara erleben wir ein auf der Welt einzigartiges Ereignis, das jährlich zu dieser Jahreszeit stattfindet – die berühmte Migration, die große Tierherdenwanderung, auf der hunderttausende Gnus, Zebras, Antilopen und Gazellen durch die ostafrikanische Steppe ziehen. Reisetermin: 30.07. – 16.08.2009 , Reiseveranstalter: Hauser exkursionen, www.hauser-exkursionen.de




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