Das Weihnachtsfest im vergangenen Jahr fiel bei Ines Papert (34) auf den 12. Dezember. Tags darauf bricht die Profibergsteigerin zu einer Expedition in den Himalaya auf. Zu ihrem Dreifrauenteam gehören die Kanadierinnen Audrey Gariepy und Jen Olsen. Ihr Ziel: Die Besteigung des Kwangde Lho in Nepal.

Als Jugendliche liebte Ines Papert Musik, sie spielte Klavier, Saxophon und sang im Kirchenchor im sächsischen Wittenberg, wo sie aufwuchs. Bergsteigen und Klettern waren ihr damals vollkommen fremd. Erst ein beruflicher Wechsel nach Berchtesgaden lässt die ausgebildete Physiotherapeutin ihre Passion für die Vertikale entdecken. Mit vier Weltmeistertiteln gehört sie heute zu den besten Eiskletterinnen der Welt. Ebenso erfolgreich ist die Ausnahmealpinistin im Felsklettern und Expeditionsbergsteigen. Vom aktiven Wettkampf hat sich Ines Papert inzwischen verabschiedet. Sie konzentriert sich auf hochalpine Ziele in fernen Ländern und unternimmt Expeditionen, vorwiegend mit Frauen. Touren, die vor ihr niemand oder nur wenige (Männer) gemeistert haben. Für die Expedition zum Kwangde Lho gewinnt sie die Kanadierinnen Audrey Gariepy und Jen Olsen. „Frauen sprechen die gleiche Sprache. Audrey war schon häufig meine Seilpartnerin. Sie ist die Person meines Vertrauens, uns verbindet eine tiefe Freundschaft. Wir haben sehr ähnliche Ansichten, denken oft ganz gleich. Jen ist Bergführerin und Heliskiguide und verbucht schwierigste Erstbesteigungen in den Rocky Mountains auf ihrem Bergsteigerkonto.“ Ihr Ziel ist eine bis dato unbestiegene Eislinie entlang der Nordwand des Kwangde Lho, ein Sechstausender im Schatten des Mount Everest. Eine Gebirgsflanke, deren Anblick die Profikletterin ins Träumen versetzt. Sie beginnt zu planen, denn jede Erstbesteigung im Himalaya erfordert ein Höchstmaß an Organisation: Das Team formen, Sponsoren finden, den Zeitplan aufstellen, Genehmigungen und Visa besorgen, die Ausrüstung zusammenstellen und vieles mehr. Um optimale Eisbedingungen vorzufinden, fällt die Wahl auf den Januar, die kälteste Jahreszeit mit Temperaturen um -20 Grad und Jetstreams mit Windgeschwindigkeiten bis zu 120 Stundenkilometern. Vorgesehen ist eine „light and fast“-Begehung – der Aufstieg entlang einer steilen Eislinie mit so wenig Material wie möglich (aber so viel wie nötig), denn im Hochgebirge verringert ein rascher Aufstieg das für Bergsteiger gefährliche Risiko schneller Wetterwechsel. Die Route über die Eisfälle birgt dennoch lebensbedrohliche Unwägbarkeiten, neben Unwettern Lawinen und Steinstürze.

Das unbeschreibliche Glück, ganz oben zu stehen
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Am 15. Dezember treffen das Frauentrio und Fotograf Cory Richards in Nepal ein. Nach der Akklimatisierung in 5.400 Metern Höhe verlassen sie am Neujahrstag das Basislager, erreichen fünf Stunden später den Wandfuß und steigen bei Temperaturen um –20 °C und reißenden Winden in die 1.300 Meter hohe Wand ein. Batterien und Gaskartuschen müssen die Frauen am Körper tragen, damit sie funktionsbereit bleiben. Das Eis ist dünn und gibt Eispickeln und -schrauben, die ins Eis gebohrt werden, um das Sicherungsseil zu befestigen, wenig Halt. Vorsichtig arbeiten sie sich Seillänge um Seillänge höher, zwölf Stunden lang. Auf einem Felsband verbringen sie eine schlaflose Nacht. Völlig verfroren erreichen sie nach zwei Tagen einen Sattel. Noch fehlen 300 Höhenmeter zum Gipfel. Zu viele, um bis zum Einbruch der Nacht wieder sicher nach unten zu kommen. Zudem beginnen die Zehen von Jen und Audrey blau anzulaufen, das Zeichen beginnender Erfrierungen. Es bleibt den Frauen keine andere Wahl, sie kehren um. Ines Papert ist enttäuscht. Und obwohl sie sich erschöpft und müde fühlt, beschließt sie einen zweiten Aufstieg. Gemeinsam mit Fotograf Cory, dieses Mal auf einer neuen Route am Kwangde Shar. Selbst –25 °C und starke Jetstreamwinde können ihren Willen nicht beugen: „Die heftigen Windböen erschwerten das Klettern und rissen in der ersten Nacht unser Zelt fort, so dass wir einen geschützteren Platz suchen mussten. Die nächste Nacht verbrachten wir sitzend in der Wand. Bei unerbittlicher Kälte, unsere Hände waren steif gefroren und schmerzten. Hinzu kam die Angst, ein lebenswichtiges Ausrüstungsstück zu verlieren, etwa das Feuerzeug, das wir zum Anzünden des Kochers brauchen.“ Die dünne Luft fordert ihren Tribut, sie fühlen sich dehydriert, das schlechte Wetter macht es ihnen unmöglich, Schnee zu schmelzen, um genügend Flüssigkeit aufzunehmen. An manchen Stellen ist mehr Schnee als Eis, der Pickel findet keinen Halt. In tausend Metern Höhe, unter sich das Nichts, müssen sie weiter klettern. Dürfen nicht nach unten schauen, keine Panik aufkommen lassen. Der Sturm tobt. Verständigung mit Worten? Unmöglich. Nach fünf Tagen unter widrigsten Bedingungen erreichen sie den Gipfel des Kwangde Lho in 6.093 Metern Höhe und fallen sich wortlos in die Arme. Ein unbeschreibliches Gefühl, sagt Ines Papert. „Wir waren glücklich. Der Kopf hatte gesiegt. Ich war selbst überrascht, dass der Mensch im Stande ist, diese extreme Kälte und Anstrengung zu ertragen, doch mit dem Gipfel vor Augen fanden wir die Energie. Viel gesehen habe ich oben nicht, denn mir traten sofort Tränen in die Augen.“ Freudentränen, die auf ihrem Gesicht zu Eiskristallen gefrieren: „Es war kalt, es tat weh – aber das Glück, auf dem Gipfel zu stehen, ließ jeden Schmerz vergessen.“ Grenzsituationen und die beste Vorbereitung darauf … Ines Papert sucht ihre Ziele immer wieder im geistigen und körperlichen Grenzbereich. Mit einem Traum im Kopf fällt es ihr nicht schwer, das harte Training durchzuziehen. Die Erfahrung lehrte sie, dass Gipfel nur mit dem richtigen Team, akribischer Planung und der richtigen Ausrüstung zu erreichen sind. „Am Kwangde Lho ist eine gute Brille genauso wichtig wie Essen, warme Kleidung und ein guter Schlafsack. Auf diesen Expeditionen nimmt man nichts Unnötiges mit. Jedes Ausrüstungsstück muss seine Funktion hundertprozentig erfüllen, schon kleine Widrigkeiten können in extremen Situationen ein Projekt zum Scheitern verurteilen.“

ines_kwangdelho_coryrichards_2009_41Dementsprechend groß sind die Ansprüche an ihr Equipment. Ines Papert zu Ihren Brillensponsor Julbo: Neben einem hohen Lichtschutzfaktor ist die Anpassung des Glases an schnell wechselnde Lichtverhältnisse wichtig. In der schattigen Nordwand des Kwangde Lho benötigte die Bergsteigerin eine Brille, die nicht zu stark abdunkelt. Beim Gipfelaufstieg in der Sonne und beim Abstieg über den Gletscher auf der Südseite war die Lichtsituation wieder ein ganz andere. „Ein weiteres Kriterium ist, dass die Brille durch das Schwitzen nicht beschlägt und meine Sicht behindert. Und sie muss einen guten Abschluss nach allen Seiten haben, damit es bei starker Sonneneinstrahlung nicht die Augen verblitzt, was zu einer Entzündung führen könnte.“ Da es immer etwas zu verbessern gibt, steht Ines Papert im regelmäßigen Erfahrungstausch mit ihrem Sponsor und Brillenausrüster Julbo. „Meine Anregungen werden dort direkt umgesetzt. Viel passiert im Bereich frauenspezifischer Produkte. Das finde ich super. Frauen haben ein schmaleres Gesicht und tragen auch gern eine trendige Brille.“

Drei Monate nach der Besteigung des Kwangde Lho denkt die Allroundkletterin schon an kommende Touren. Auf der Wunschliste steht die klassische Eigernordwand-Route. Darüber hinaus plant sie eine Erstbegehung am „Cirque of Unclimbables“, einer Felslandschaft im Norden Kanadas. Die Unbesteigbaren. Jede Wette, dass Ines Papert auch diese Herausforderung meistert.

Von Angela Mrositzki
Fotos: Cory Richards